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Ich habe damals in Oldenburg einen Mann kennengelernt, er war Asylant. Wir trafen uns sehr oft um Gedanken auszutauschen oder schweigend an einen Baum gelehnt den Sonnenuntergang zu sehen. Er lebte im Asylantenheim und ich im Frauenhaus der AWO in Oldenburg. Selbstverständlich kann man niemanden in ein Frauenhaus einladen, aber das ist auch gut so. Dort wo er damals lebte war das schon möglich, aber er wollte es nicht dass ich sehe wie er lebt. Mir war das völlig unverständlich und ich konnte seiner Argumentation nicht zustimmen. Irgendwann jedoch hatte er soviel Vertrauen das er mich abholte und schweigend gingen wir zu ihm und er zeigte mir wie er lebt…


Nun verstand ich eins seiner Argumente: Du als deutsche Frau kannst dort nicht hingehen! Ich bin noch heute darüber fassungslos wie man vertriebene, mißhandelte und gequälte Menschen voller Angst und Schmerzen so leben lassen kann. Die Menschen dort waren freundlich, distanziert und mißtrauisch jedenfalls als ich kam. Wir saßen in der Küche wo die Frauen angefangen hatten zu kochen. Auf dem Tisch lagen noch ein paar Messer ich schnappte mir eins und ich schnippelte mit. Die Verständigung war etwas kompliziert da nicht alle Englisch sprachen, aber es ist schon sehr erstaunlich wie man solche Probleme lösen kann. Nach dem Essen zeigte man mir Zimmer, Badezimmer und den Rest. Wir saßen draußen vor dem Haus noch lange zusammen und es wurden immer mehr. Es wurde geredet, gelacht, diskutiert und die Kinder spielten im Gras. Eins dieser Kinder jedoch saß teilnahmslos in einer Ecke und der Blick war leer. Ich denke keiner von uns kann nachvollziehen was diese Kinderseele erlebt und erlitten haben muß. Als wir gingen waren die Distanz und das Mißtrauen der Menschen verschwunden. Auf dem Weg nach Hause redeten wir kaum aber ich sah die Scham in seinen Augen über seine Lebenssituation. Was er jedoch nicht sah war die grenzenlose Wut die in mir tobte. Ich ging in mein Zimmer im Frauenhaus und schaute mich um und meine Wut stieg!
Am nächsten Morgen kam die Leiterin zu mir und teilte mir mit das ich die Wohnung die ich mir ein paar Tage vorher angesehen hatte bekommen habe. Sie war sehr verwundert das ich nicht wirklich Freude zeigte, aber wie sollte ich nach den Erlebnissen denn auch. Ich erzählte ihr davon und sie war genauso fassungslos. Sie erzählte mir, dass es durchaus Hilfe gibt, sie aber nicht sehr in Anspruch genommen wird. Die nächsten Nachmittage sah ich mich bei den Anlaufstellen um. Dann bezog ich meine Wohnung und suchte mir eine Arbeit. In dem Job den ich damals machte war das völlig problemlos eine Arbeitsstelle zu finden. Er erzählte mir von den Problemen im Asylantenheim und ich gab mein Bestes dafür Lösungen zu finden oder an die richtigen Anlaufstellen zu vermitteln. Aus einer langen Freundschaft wurde Liebe und ich fand eine zweite Arbeitsstelle um mich selbst „über Wasser“ zu halten. Eine Beziehung zwischen schwarz und weiß war von der Gesellschaft verachtet. Anfeindungen, Diskriminierung und der pure Hass waren daraufhin mein ständiger Begleiter. Er erzählte mir mehr von seiner Heimat Nigeria. Korruption, Kriminalität, Armut sind nur einige der Dinge mit denen die Menschen dort leben müssen. Er erzählte mir von Hinrichtungen, Überfällen und den Polizisten die überall mit Maschinengewehren in Lagos stehen und nicht lange fackeln um diese einzusetzen. Er sagte mir dass es für mich als „weiße“ gefährlich ist in Lagos zu sein. Als ich völlig überraschend einen Heiratsantrag bekam sagte ich trotz allem sofort ja. Er schaute mich daraufhin seltsam an und fragte ob ich verstanden habe dass wir in Lagos leben und heiraten müssen. Ich schaute ihn lange an bevor ich anfing ihm von meinem Leben zu erzählen ab dem Zeitpunkt wo ich aus einer glücklichen Kindheit gerissen wurde, ich war damals 6 Jahre alt. Danach verstand er warum ich so bin wie ich bin und mich eine Reise nach Nigeria mich nicht abhalten konnte um glücklich zu sein.
Es war eine harte Zeit dieses Ziel zu verwirklichen. Die Kosten für Flug, Hotel und Aufenthalt waren nur durch noch mehr Arbeit mühsam zusammen zu bekommen aber man muß für seine Ziele kämpfen. Irgendwann hatten wir es geschafft und der Flug war gebucht. Das Visum von Nigeria war angekommen und die nötigen Impfungen vollständig. Das was mir wirklich Sorgen machte war der Flug und das Wissen das ich den Rückflug alleine antreten mußte.
In Lagos gelandet wurden wir von seinen Brüdern und drei Freunden abgeholt und zu einem Hotel gebracht das in einer Gegend von Lagos war wo „weiße“ nicht zu finden sind. Eingezäunt war das Hotel mir einer hohen Mauer auf der kaputte Flaschen und Stacheldraht verteilt waren. Wir mußten durch ein Tor hinter dem das Sicherheitspersonal ihr Wachhäuschen hatte. Die Familie und Freunde verabschiedeten sich und wir bezogen unser Zimmer. Als wir auf den Balkon gingen schaute ich mich um es war Abend und draußen auf der Strasse waren viele Menschen unterwegs. Dann passierte es, der Strom ging aus und das was dann kam machte mir wirklich Angst. Die Sicherheitsbeamten rannten in das Wachhäuschen und kamen mit Maschinengewehren wieder raus und zielten auf unseren Balkon. Er erklärte mir das es aus Sicherheitsgründen so ist und falls jemand in unser Zimmer klettern will sofort geschossen wird. Ich ging rein und öffnete die Zimmertür, auch da standen zwei bewaffnete Männer zu meinem Schutz. Am nächsten Tag lernte ich seine Mutter kennen die mich sofort in die Familie aufnahm aber leider nur wenig Englisch sprach da ihre Muttersprache "Ibo" war. Sie war Witwe und lebte in einem Dorf und fuhr jeden Tag mit dem Bus nach Lagos um auf dem Markt Fisch zu verkaufen. Abends nachdem sie gegangen war sagte ich zu ihm dass ich gerne spazieren gehen würde und er antwortete dass das nur mit Personenschutz möglich ist. Das lehnte ich natürlich ab und wir gingen allein auf die Strasse. Es gab komische Reaktionen und ich denke das mindestens die Hälft der Menschen sich gefragt haben ob ich oder wir noch ganz dicht sind. Eine alte Frau rannte auf mich zu und warnte mich vor Gefahr ich zuckte die Schulter und verlies trotz seines heftigen Widerspruchs die Hauptstrasse. Ich habe Sachen gesehen die mich manchmal noch in meinen Träumen verfolgen. Ein Mann der keine zwanzig Meter entfernt von uns stand und durch die Maschinengewehrschüssen der Polizei zerfetzt wurde, Menschen die ohne Beine auf einem Brett mit vier Rollen darunter an mir vorbei fuhren, Kinder die vor Krankheit und Hunger nicht mehr Lachen konnten.
Wir haben geheiratet und wurden wieder begleitet von den Männern die uns vom Flugplatz abgeholt hatten. Wenn ich jetzt darüber nachdenke bin ich der Überzeugung, dass dieser Schutz gegen „weiße“ war. Wenn ich an Deutschland dachte und die Anfeindungen, den Beleidigungen und den Hass der uns entgegen schlug war es in Nigeria um einiges schlimmer.
Zwei Tage nach unserer Hochzeit fuhren wir zu der deutschen Botschaft, wer nun denkt das einer deutschen Frau die mit einem Nigerianer verheiratet ist dort einfach so die Türen geöffnet wird irrt sich. Ein Mann erklärte mir, dass ich einen Termin in vier bis fünf Wochen bekommen kann. Ich dachte ich hätte mich verhört. Wachmänner mit Maschinengewehren kamen angerannt und zielten auf mich als ich vor dem Tor den Aufstand probte. Ein Mann konnte meinen Ausführungen folgen, stellte die Waffe an die Seite und öffnete das Tor. Wir wurden sofort zu einem deutschen Beamten gebracht der wirklich böse schaute. Völlig unbeeindruckt übergab ich ihm unsere Papiere. Dann kamen Fragen die voller Indiskretionen steckten und an Peinlichkeit kaum zu überbieten waren. Alle Papiere waren komplett so sagte er, seinen verächtlichen Blick habe ich bis heute nicht vergessen.
Der Tag meiner Abreise kam und ich mußte meinen Mann zurücklassen, nicht wissend wann wir uns wiedersehen. Am späten Abend landete die Maschine in Bremen und Freunde holten mich ab, auf die Frage wie mein „Urlaub“ war brach ich in Tränen aus und erzählte von den Erlebnissen dort. Pünktlich zur Öffnungszeit der Ausländerbehörde kam ich am nächsten Morgen dort an, ich fand das für mich zuständige Büro und klopfte. Ein älterer Herr fragte was er für mich tun kann und ich legte die Papiere vor und dann kam etwas das mich rasend vor Wut machte. Er sagte:“ Sie hatten jetzt einen schönen Urlaub, was halten sie davon wenn wir die Papiere einfach in den Müll schmeißen und die Sache vergessen?“ Ich holte tief Luft, schaute ihn an und sagte:“ Ich gehe jetzt noch einmal raus, komme wieder rein und fangen noch einmal von vorne an!?“ Gesagt getan, ich ging raus beruhigte mich etwas und klopfte erneut. Das hatte ihn völlig irritiert und dann ging es erst richtig los. Die Unterstellung eine Scheinehe eingegangen zu sein, Beweise beibringen das ich genug verdiene um meinen Mann ernähren zu können und meine Wohnung groß genug ist für zwei Menschen. Ich entgegnete - im Vergleich zum Asylantenheim das ich mir einmal aus Interesse angeschaut habe, könnten in meiner Wohnung locker noch zwölf andere Personen mit einziehen. Er schob mir Papiere rüber die ich Ausfüllen sollte und sagte mir das ich in den nächsten Tagen einen Bescheid bekomme. Ganze drei Wochen später klopfte ich erneut an seine Tür und fragte nach wo die Post denn bliebe. Er schaute mich an und fragte mich warum ich es denn so eilig hatte damit. Scheinbar hatte er völlig übersehen das es in Nigeria Unruhen gab und das Reisebüro mich vor dem Abflug gewarnt hatte nach Lagos zu fliegen. Um die Geschichte kurz zu machen es hat ganze sechs Monate gedauert bis mein Mann in Bremen gelandet ist. Ich habe von anderen Menschen gehört das es auch ein Jahr oder länger dauern kann. Sechs Monate bangen und warten auf den wöchentlichen Anruf der manchmal auch Tagelang auf sich warten ließ, da die Telefonleitungen in Nigeria mal wieder ausgefallen sind. Der Gedanke, dass ihm dort etwas passieren könnte oder er sogar ein Opfer der korrupten Polizei wird raubte mir manchmal die Kraft. Andauernd stellte die deutsche Botschaft die Anforderung nach anderen Papieren die mein Mann einreichen sollte. Die Kosten dafür konnte ich nur auffangen indem ich immer mehr Überstunden machte. Als ich meinen Mann endlich in die Arme nehmen konnte war ich am Ende meiner Kraft angelangt. Das alles ist schon über 20 Jahre her aber es läßt einen vieles mit anderen Augen sehen!

Verena Ogbonna

 

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